Von Äpfeln und Analogien

Ich denke fast jeder von uns hatte das Fach „Bildende Kunst“ im Schulunterricht. Nicht selten bekam man ein weißes Blatt vorgelegt, nahm seinen Bleistift heraus und sollte etwas zeichnen – oftmals einen Apfel. Oder irgendetwas, was gerade zur Hand war. In der Oberstufe durften wir dann weitergehen und wochenlang eine Paprika mit Aquarell malen. Es war übrigens auch nach Wochen die gleiche Paprika (und sie sah dann dementsprechend aus), aber das tut hier eigentlich nichts zur Sache.

Wenn man einen guten Lehrer hatte, versuchte jener, die Wichtigkeit von Licht und Schatten zu erklären. Dass auch ein weißer Würfel gezeichnet nicht einfach nur ein Quadrat ist. Wo Licht hinfällt, ist es hell – wo es das nicht tut, ist es dunkel. Somit können wir einen Würfel zeichnen und hierbei alle Helligkeitsstufen von Grau benutzen. Mal schraffieren wir nur ganz leicht mit dem Bleistift, an anderen Stellen wird die Hand schon fast müde, so dunkel soll es werden.

Warum dieser Text auf einem Fotografieblog? Ich habe oft das Gefühl, dass wir diese Kleinigkeit vergessen. Nicht das Licht, nein, darüber drehen sich haufenweise Bücher und Diskussionen.

„Wie leuchte ich das Bild schattenfrei aus?“
„Reichen fünf Blitze für dieses Portrait“
„Portraits nicht in der prallen Sonne machen“
und so weiter…

Schatten, Leute: Schatten. Vergesst doch bitte den Schatten nicht. Bilder können niemals die Wirklichkeit zeigen, sondern sind immer nur unsere Interpretation dieser. Unsere Welt ist dreidimensional, die Bilder sind es nicht. Wenn wir also diese dreidimensionale Welt auf eine Fläche projizieren, müssen wir immer Information weglassen. Was nicht schlimm ist, denn so können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren.

Kommen wir zurück zum Apfel.

Der rechte Apfel ist „perfekt ausgeleuchtet“. Möglichst keine Schatten, überall Licht. Der linke Apfel jedoch wird nur von einer Seite beleuchtet und das Licht streift über seine Oberfläche hinweg. Jede kleine Delle wird sichtbar und die runde Form des Apfels wird betont. Die eine Seite liegt nun fast komplett in der Dunkelheit und uns geht „Information verloren“. Versucht euch noch einmal an euren Kunstunterricht zu erinnern: Welches Bild hätte hier mehr Punkte gegeben? Die flache Landkarte des Apfels oder die Version mit Licht und Schatten?

Manchmal sollte es nicht heißen „mit Licht zeichnen“, sondern eher „mit Schatten zeichnen“. Denkt auch mal an euren guten, alten Freund den Schatten.

3 Kommentare zu “Von Äpfeln und Analogien

  1. Das Eine gibt es nicht ohne das Andere!

    • Ja, klar… nur habe ich das Gefühl, dass oft „je mehr Licht desto besser“ die Devise ist und nicht das „richtige Licht“.

  2. Ich denke da eher an Goethe und die prägnante Aussage: „Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.“
    Wer es schafft, mit Licht zu malen, sollte auch die Eigenschaft besitzen, beides [Licht und Schatten] darzustellen.

    Die Binsenweisheiten, hier dargestellt als Zitat, sind natürlich zum Schmunzeln. Aber die Intention der Fragesteller ist hier auch deutlich erkennbar: die Technik soll den Ton angeben. Der Ton, und das stellst du hier gut dar, macht aber noch lange nicht die Musik. Wo wir schon bei Analogien sind. :)

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